In den Teilen 1 und 2 meiner Serie zu den Strukturveränderungen in der Stadtteilsozialarbeit habe ich mich mit der räumlichen Situation und der personellen Situation auseinandergesetzt und versucht, neue Ansätze zu skizzieren.
Zum Abschluss dieser Serie werde ich mich heute mit der finanziellen Situation befassen und der Tenor lautet mal wieder: “Es ist kein Geld da”, “die Kommunen sind finanziell am Ende”, “Gelder werden gekürzt”…
In diesem Zusammenhang ärgert mich ein Beitrag im Stern 8/2011 unter dem Titel “Die Hilfsindustrie”. In den Spitzen der Wohlfahrtsverbände, dicht an der Politik, sitzen anscheinend mittlerweile genügend Macher, die es verstehen, ordentlich Geld mit unseren Sozialgesetzen zu machen. Längst wird das Geschehen hier von Managern bestimmt und nicht mehr von Sozialarbeiter. Das ist aus meiner Sicht auch richtig, denn so große Unternehmen lassen sich nicht mehr mit einer gesunden Portion Halbwissen lenken und führen.
Was mich hingegen ärgert ist die Situation, dass Angebote geschaffen werden, für die noch gar kein Bedarf besteht. Einfach aus dem Grund heraus, dass Gewinne erwirtschaftet werden, die neu eingesetzt werden müssen, um eine Gemeinnützigkeit zu erhalten. Das erinnert mich an vergangene Jahre der Leistungsverträge, an denen gegen Ende des Jahres immer noch irgendwelche unnützen Sachen gekauft werden mussten, um kein Geld zurückzahlen zu müssen und im nächsten Jahr die Zuschüsse gekürzt zu bekommen.
In diesen Zweigen der Wohlfahrtsarbeit sind gigantische Zuwächse zu verzeichnen, Arbeit kann sogar billiger angeboten werden, als die Zuschüsse das vorsehen. Dazu gab es am 21.02.2011 in der WDR-Sendung Markt einen Beitrag über Leiharbeit bei der Arbeiterwohlfahrt. So werden Gewinne zu Lasten der Beschäftigten im Dritten Sektor erwirtschaftet, die im Vergleich zu vielen anderen Berufen eh schon unterbezahlt arbeiten müssen.
Die AWO, die in Punkt 1 Ihrer Grundsätze erklärt:
Die Werte der AWO sind Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie bieten den Menschen Orientierung für die eigene Lebensführung und die Gestaltung des Gemeinwesens.
beschäftigt gleichzeitig MitarbeiterInnen festangestellt und auf Leiharbeitsbasis und bezahlt diesen unterschiedliche Gehälter!? Soviel zum Einhalten der eigenen Werte.
Weiter unten in den Wohlfahrtsverbänden vor Ort sitzen Geschäftsführer, die nicht so skrupellos handeln, versuchen Tariflöhne zu zahlen und Einrichtungen zu erhalten. Hier herrscht permanente Geldnot, Zuschüsse werden gekürzt und sinnvolle Angebote für die ein realer Bedarf besteht, müssen aufgegeben werden.
Die AWO steht hier nur stellvertretend für alle anderen Wohlfahrtsverbände.
Wie in so vielen anderen Bereichen unseres Staates (Banken, Steuersystem, Rente…) ist auch das Sozialsystem mittlerweile so unübersichtlich geworden, dass findige Manager es für ihre Zwecke nutzen und eine Gewinnmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit erstreben.
Abgesehen von einem – vielleicht – schlechten Gewissen, spricht da ja auch nichts gegen. Wenn die Gesetze das so hergeben…
Die Frage ist, was “unten” (auch ein schrecklicher Begriff) neben der Schreckstarre von einem zum nächsten Leistungsvertrag noch übrig bleibt?
Kann ein Stadtteilbegegnungszentrum sich auch in Zukunft noch finanzieren?
Die kommunale Finanzierung scheint über kurz oder lang ein Auslaufmodell zu sein. Wird damit auch ein Stadtteilbegegnungszentrum zum Auslaufmodell, oder gibt es alternative Finanzierungsmöglichkeiten?
Die Hauptausgaben eines Begegnungszentrums stellen die Personalkosten dar. Neben ein bis zwei Sozialarbeiterstellen in Teilzeit ist meistens noch eine hauswirtschaftliche Leitung beschäftigt, dazu bis jetzt ein Zivildienstleistender und ggf. Reinigungspersonal. An zweiter Stelle der Kosten stehen die Mietkosten für eine relativ große Immobilie.
In den vorangegangenen Beiträgen habe ich beschrieben, dass der Trend weg von Großgruppen hin zu kleinen Interessensgruppen geht. Man spricht auch von einer Fragmentisierung der Gesellschaft bedingt durch die zunehmende Individualisierung. Damit verbunden werden weder große Räumlichkeiten, noch eine hauswirtschaftliche Leitung benötigt, da der Verzehr und die damit verbundenen Tätigkeiten immer weiter zurückgehen. Sie fallen als feste Einkommensquelle aus, ebenso wie Einnahmen aus Vermietungen der Räume. Mittlerweile gibt es ein so großes Angebot an Räumlichkeiten, dass der Bedarf – abgesehen von großen Familienfesten - gegen Null tendiert.
Ein Wachstum ist hingegen bei den sozialen Dienstleistungsangeboten zu erkennen. Hier entstehen immer neue Dienste und Angebote, die koordiniert werden müssen. Diese Aufgaben übernehmen die pädagogischen Fachkräfte, oft unterstützt von Honorarkräften. Dazu braucht ein Zentrum Büroräume mit PC-, Internet- und Telefonanschluss. Diese Art von Räumen ist in den traditionellen Zentren meistens aber nicht vorhanden, oder wenn dann nur ein zentrales Büro für die Hausleitung.
Ein Aspekt in der Frage der Finanzierung betrifft also die Einsparung von Geldern, z.B. durch einen Umzug in geeignetere, kleinere und damit preiswertere Räumlichkeiten, die besser an den veränderten Bedarf angepasst sind. Damit verbunden verschiebt sich auch der personelle Bedarf mehr in Richtung pädagogisches Fachpersonal, anstatt Hauswirtschaft. Es ist zu überdenken, ob ein Caféteriabetrieb ausgegliedert und mit seinem Umsatz die Mietkosten eines Zentrums unterstützen kann.
Der zweite Aspekt geht in Richtung Akquierierung neuer Gelder. Welche Finanzquellen könnten für ein Stadtteilbegegnungszentren noch genutzt werden?
Meine Vision geht hin zu einer Einrichtung, die weitestgehend auf kommunale Mittel verzichten kann. Dieser Weg ist alles andere, als einfach. Verschiedene Möglichkeiten müssten miteinander kombiniert werden:
- An erster Stelle: Ein Fundraiser müsste fest in das Konzept eingebunden und die Konzeption eng mit dem Thema Fundraising vernetzt sein.
- Es muss überprüft werden, ob es im Bereich des Social Business Produkte gibt, die benötigt und marktfähig angeboten werden können.
- Die Angebote eines solchen Zentrums richten sich nicht nur an die Bewohner, sondern auch an die Gewerbetreibenden und die Wirtschaft vor Ort. Was benötigen diese Zielgruppen konkret und wofür wären sie bereit, Geld zu investieren?
- Beratung sollte auch weiterhin kostenfrei angeboten werden. Denkbar ist aber die Gründung eines Fördervereins nach dem Konzept der Lohnsteuerhilfevereine. Mitglieder könnten Vergünstigungen erhalten.
- Eine Fördermöglichkeit durch Stiftungen muss überprüft werden. Hierbei wird es in der Regel nicht zu einer dauerhaften “Rundum-Förderung” kommen, sondern es müssen Projekte klar abgegrenzt und dafür Fördergelder eingeworben werden.
- Schon im Vorfeld muss die Rechtsform eines solchen Zentrums sorgfältig abgewogen werden. Geeignet wäre eine gGmbH, die den wirtschaftlichen Anforderungen besser gerecht würde, als ein eingetragener Verein.
- Insgesamt müsste versucht werden, die Gelder in einen großen Topf fließen zu lassen und sie von dort aus ökonomisch zu verteilen. Zweckgebundene Mittel, wie sie die Förderprogramme heute vorsehen, sind oft kontraproduktiv zu den Anforderungen vor Ort. Was nützt eine Vorgabe zur Halbierung der Personal- und Sachkosten, wenn die Personalkosten tatsächlich höher sind, Sachkosten aber gar nicht in der vorgegebenen Größenordnung anfallen?
Funktionieren kann ein solches Modell nur, wenn die Bevölkerung aktiv an diesem Konzept partizipieren kann. Dazu müssen Möglichkeiten geschaffen werden, alle Beteiligten von Anfang an einzubinden und als gleichberechtigte Partner zu sehen. Schließlich geht es um ihre Interessen und nicht darum, zwei Sozialarbeitern eine Stelle zu sichern und Fördermittel zu verwalten.