Wie steht es um das Engagement der freien Wohlfahrtsverbände im Bereich Social Media?

Hannes Jähnert stellt folgende interessante Frage: Ist es möglich, dass sich etablierte Sozialverbände — gemeint sind vor allem die Spitzen der deutschen Wohlfahrtspflege, aber auch andere Sozialdienstleister — eher notgedrungen auf ein Mehr an Social Media und Webkommunikation vorbereiten als sie wirklich eine Chance darin zu erkennen vermögen?

Gestern erreichte mich folgende Frage von Hannes Jähnert über Google+

Eine Frage an die Kolleg!nnen vom Fach:

Ist es möglich, dass sich etablierte Sozialverbände — gemeint sind vor allem die Spitzen der deutschen Wohlfahrtspflege, aber auch andere Sozialdienstleister — eher notgedrungen auf ein Mehr an Social Media und Webkommunikation vorbereiten als sie wirklich eine Chance darin zu erkennen vermögen?

Ich kann zwar vielerlei Bemühungen entsprechender Organisationsentwicklung sehen (Stichwort Social Media Policys) doch scheint mir das alles eher reaktiv, denn aktiv. Wo bleibt der strategische Einbezug bei jenen Organisationen, die, ob ihrer vielfältigen Arbeitsgebite, doch eigentlich die meisten Anknüpfungspunkte bieten?

Eine interessante Frage, auf die ich folgende Antwort habe:

Aus meiner subjektiven Sicht kann ich bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) weder auf Kreisverbandsebene, wo ich tätig bin, noch auf Bezirks- oder gar Landes- oder Bundesebene irgendeine Art von Social-Media-Engagement erkennen, nicht auf Twitter, nicht auf Facebook und auch nicht auf anderen Kanälen.
Im Bereich der offenen Altenhilfe sind wir schon froh, wenn wir die meisten freiwillig Engagierten per Mail erreichen; auch das ist nicht selbstverständlich. Bei Twitter oder Facebook ist von dieser Zielgruppe praktisch niemand vertreten.

Eine grundsätzliche Frage stellt sich für mich: Wen spreche ich an und wie erreiche ich meine Zielgruppe?

Wenn ich freiwillig engagierte Menschen im Alter ab 50 suche, erreiche ich diese nicht primär über das Internet, sondern über Zeitungsartikel. Werbe ich über diese Schiene an, wird sich auch diese Zielgruppe melden.
Die Zielgruppe von der du oft schreibst, jüngere Menschen, die sich über das Internet engagieren, haben wir praktisch nicht im Blick. Das liegt u.a. daran, dass wir diese flexible Möglichkeit für ein kurzfristiges Engagement aufgrund unserer Struktur gar nicht anbieten können. Würde sich jemand melden und fragen, was er ganz spontan mal mit zwei Tagen freier Zeit machen könnte, wären wir praktisch überfordert.

Würden wir gezielt nach jüngeren engagierten Menschen suchen, müssten wir zuerst unsere Struktur verändern und anpassen.

In diesem Zusammenhang wundert es mich, dass das Thema Social Media für die Freiwilligenagentur (zumindest in Bielefeld) auch überhaupt kein Thema ist. Hier starten immer wieder Projekte für Schülerinnen und Schüler, die Ansprache bleibt aber klassisch über eine statische Internetseite und die gezielte Ansprache von Lehrerinnen und Lehrern.

Ein wesentlicher Punkt, woran das Social-Media-Engagement sowohl bei der AWO, als auch bei der Freiwilligenagentur scheitert, ist das fehlende Personal. Es müsste jemand, der sich mit dem Thema auskennt, stundenweise dafür freigestellt werden.
Dieser einfache Satz beinhaltet gleich mehrere Hürden: Es gibt in meinem Kollegenkreis praktisch niemanden, der Social Media ernsthaft nutzt, eine zeitliche Freistellung ist bei den immer höher werdenden Anforderungen der Projektfinanzierung nicht denkbar und um jemanden extra für diesen Bereich einzustellen (auch stundenweise) fehlt schlicht das Geld.

Die komplette Diskussion findet sich hier auf Google+

Veröffentlicht von Stefan Zollondz

Mein Name ist Stefan Zollondz. Als Diplom Sozialarbeiter (FH), Sozialmanager, NLP-Master (DVNLP) und Coach berate ich Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich in Fragen der internen und externen Kommunikation.

10 Kommentare

  1. Mir scheint, vielen NPOs ist einfach unklar, was sie mit Social Media erreichen wollen bzw. können. Sie fragen sich, was aus ihrer Sicht wichtig wäre, über Facebook & Co. zu verbreiten. Eine 1:1 Übertragung der Webseiten-Inhalte kann es jedoch nicht sein.

    Wichtig wäre es hingegen, die Sicht auf die Dinge umzudrehen und sich zu fragen, was User dazu bringen könnte, sich für den Facebook-Auftritt der NPO zu interessieren und dabei zu bleiben.

  2. Liebe Frau Freese-Wagner, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass vielen NPO´s unklar ist, was sie mit Social Media erreichen wollen. Oftmals ist es schon aufgrund der Arbeitsbelastung nicht möglich, die eigene Internetseite mit aktuellen Themen auf dem Stand zu halten, geschweige denn, sich im Bereich Social Media zu engagieren.
    Kaum einer der traditionellen Wohlfahrtsverbände kann sich einen Mitarbeiter / eine Mitarbeiterin ausschließlich für die Öffentlichkeitsarbeit leisten. Also muss diese Aufgabe von allen “so nebenbei” wahrgenommen werden. Das funktioniert auch mit den herkömmlichen Medien (Zeitung, Radio etc.) nur unzureichend, da kein Gesamtkonzept zum Einsatz kommt.
    Im Bereich der Kolleginnen und Kollegen in Bielefeld kenne ich auch kaum jemanden, der Twitter oder Facebook privat nutzt. Es scheint erstaunlicherweise kaum Interesse für diese Medien vorhanden zu sein.
    Wie soll auf dieser Basis dann ein Engagement für die NPO entstehen?

    Ein weiterer Aspekt betrifft die rechtliche Seite. Die Verbände tun sich – bedingt durch ihr Qualitätsmanagement – schwer, Facebook aufgrund der Datenschutzbestimmungen zu akzeptieren. Dieses Argument gegen Facebook kann das Engagement im Bereich Social Media schon im Keim ersticken.

    Haben Sie solche Erfahrungen ebenfalls im Bereich Ihrer Beratungstätigkeit gemacht? Gibt es Strategien, um hier zu überzeugen?

    Mein Eindruck ist, neue, kleine NPO´s handeln hier wesentlich flexibler und es gelingt oft, Nutzer von Social Media für das eigene Angebot zu gewinnen und auch zu beteiligen.
    Das Stichwort “Beteiligung” müsste in diesem Zusammenhang auch noch einmal seperat beleuchtet werden. Denn aus meiner Sicht ist wirkliche Beteiligung in Entscheidungsfragen im Augenblick bei den traditionellen Verbänden noch nicht gefragt. Dazu sind die Strukturen einfach noch zu starr.

  3. Hallo Herr Zollondz,

    in Gesprächen mit NPOs habe ich einen ähnlichen Eindruck wie Sie. Neben die Skepsis tritt auch die Frage, wo soll das alles mit Social Media mal hingehen? Ich bin da selbst auch noch nicht sicher, ob ich den Dingen in allem so folgen will. Manchmal hab ich ein den Eindruck, Social Media wird von einigen Leuten auf andere drübergestülpt und das kann ja nicht die Strategie sein.

    Hilfreich wäre da auch ein konkretes Konzept, das detailliert Ziele und Maßnahmen darlegt. Aber zuvor muss einfach Verständnis für die Bedeutung des neuen Mediums geweckt werden. Ich glaube aber nicht, dass da reichen würde, einfach nur Zahlen zu nennen wie: 1000 Leute mögen uns in drei Monaten, 15 Leute sprechen dann über uns usw. Das ist meiner Ansicht nach zu abstrakt, wenn man gar nicht weiß, welche Dimensionen dahinter stehen. Besser wären da Beispiele, die zeigen, wie gut sich die User der Community untereinander vernetzen und wie diese Vernetzung positiv auf die NPO wirken kann.

    Das Stichwort Beteiligung ist wichtig. Aber es zeigt ja schon ein Problem: Dahinter könnte ja eine unkontrollierbare Welle an negativen Meinungsäußerungen stehen und die Angst, damit nicht richtig umgehen zu können.

  4. Ja, das Stichwort “Beteiligung” ist wichtig und um die unkontrollierbare Welle von Meinungsäußerungen einzudämmen, wird sicherlich über kurz oder lang das Thema “Social Media Policy” auf den Tisch kommen. Man wird der Meinung sein, damit alles im eigenen Sinne regeln zu können und es wird entsprechend lange dauern, um so ein Papier zu entwerfen. Dass diese SMP unerwünschte Äußerungen von Außenstehenden nicht eindämmen kann, wird man aber erst später feststellen.
    Und dann wird sich entscheiden, verbannt man Social Media gleich wieder, weil man ja immer schon der Meinung war, dass das nichts bringt? Oder nutzt man die Chance, frisches Feedback von Außen zu bekommen und Veränderungen anzustoßen?

  5. Hallo Herr Zollondz,

    da haben Sie recht. Ich habe da heute etwas Ähnliches über ein Projekt in München gelesen (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/open-data-projekt-der-stadt-muenchen-mogdy-nimmer-1.1277079). Erst waren alle Feuer und Flamme und nun verläuft es wohl im Sande.

    Ich glaube daher, das Problem liegt auch darin: Was macht man mit den Außenansichten und den Ideen? Wenn sich eine Organisation nicht damit auseinandersetzt und diesen Prozess transparent macht, wird eine Beteiligung an der Community irgendwann uninteressant werden.

  6. Der Unwille mancher Wohlfahrtsverbände, sich mit dem Internet – das ein neuer öffentlicher Raum ist – auseinanderzusetzen und die reservierte Haltung, wenn es um die Umsetzung von mehr Bürgerbeteiligung geht, hemmt die Weiterentwicklung der hiesigen Zivilgesellschaft.

    Immer mehr Bürger/innen stimmen deshalb einfach mit den Füßen ab und gründen eigene Initiativen unabhängig von der wohlfahrtsverbandlichen Szene, – allerdings unter viel ungünstigeren finanziellen Bedingungen. Die Auswirkungen für die Verbände sind erheblich. Erst vor Tagen war angesichts der Freiwilligen-Zahlen in der Diakonie zu lesen, dass das Engagement in der Diakonie “auszusterben” droht, siehe http://www.aktive-buergerschaft.de/buergergesellschaft/kommentare/2012/verbaende_und_das_engagement

  7. Das hast du drastisch, aber treffend ausgedrückt, Brigitte!
    Vielleicht ist die Schere zwischen den starren, tradierten Standpunkten der Wohlfahrtsverbände und der aktiven, mitbestimmungswilligen Motivation jüngerer (und auch älterer) Aktiver schon zu weit auseinander gegangen.
    Mit dem Rücken zum Geschehen laufen die Wohlfahrtsverbände weiter in eine Sackgasse und beklagen sich über fehlendes Engagement. Und selbst die Politik reagiert, auf dem Hintergrund der Geldknappheit, mit Kürzungen der freiwilligen Leistungen.
    Wenn ich die gesellschaftliche Entwicklung, nicht nur im Internet, betrachte, muss ich für mich persönlich allerdings feststellen, dass ich die Begriffe “Wohlfahrtsverband” oder auch “Kirche” nicht mit dem Begriff “Zivilgesellschaft” verbinde. Die Stärkung der Zivilgesellschfaft geht aus meiner Sicht vielmehr von den kleinen und großen Initiativen aus und mobilisiert dort Menschen, sich für kleine Projekte vor Ort oder auch an überregionalen Themen zu beteiligen.
    Hierfür fließen praktisch kaum öffentliche Mittel, dafür wird aber viel erreicht und die Schwelle für die eigene Beteiligung liegt niedrig.

  8. Der Dritte Sektor hat – auch wenn er nur einen Teil der Zivilgesellschaft darstellt, nämlich den organisierten und verbandlichen – wichtige Funktionen für die Zivilgesellschaft inne, – über die Dienstleistungsfunktion hinaus.

    Dazu gehört: die Bildung von Gemeinschaft, die Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten, die Interessenvertretung. Man darf Verbände keinesfalls aus dieser Verantwortung entlassen bzw. eine Grenze zwischen ihnen und der Zivilgesellschaft ziehen. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, weiterhin auf Reformen zu drängen – und die Hoffnung diesbezüglich nicht aufzugeben…….

  9. Pingback: Non-Profits & Social Media | Pearltrees

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